Kochen im Medienhof

Hallo Herbert

Die Anfrage nach Vermietung der Räume im Medienhof während der Oktoberferien hast du ja hieb- und stichfest beantwortet.

Jede Anwaltskanzlei würde dich mit Handkuss einstellen. Besonders gefreut hat mich, dass du dem kochenden Erzieher das Prädikat “versiert” angehängt hast. Hoffen wir mal, daß die Gruppe nicht die Probe auf`s Exempel macht und mich auf Herz und Nieren prüft.

Sollte sich die Gruppe aus echten Kerlen deiner Statur und deines Heißhungers zusammensetzten, wir des knifflig. Dann könnte der ohnehin schon havarierte Herd die Kombüse in eine Hölle aus Blut, Schweiß und Tränen werden lassen und zum Untergang führen. Aber vielleicht haben wir ja Glück und es handelt sich um eine Gruppe von Franzosen. Die sind doch schon halb satt, wenn man ihrer nationalen Eitelkeit mit einer Speisekarte in französisch schmeichelt, also die Vorspeise mit pompöser Semantik wie etwa “aperitif-kürsche avec creme d`amour” verbrämt.

Noch leichter dürfte es werden, wenn es sich um Kiez-Muslime handeln sollte. Egal ob schmackhaft oder gesund, Hauptsache Mekka-fast-food, also helal, und alle sind happy. Da krieg ich dann auch noch ein bildhaftes und schönes Lob: Gott segne deine Hände. Ich wende mich dann manchmal verschämt dem Besenschrank in der Küchezu, denn es treibt mir ob dieser unverdienten Liebenswürdigkeit die Schamesröte ins Gesicht. Die ich nichtsdestotrotz gerne verhehle. Köche sind eitel.

Der Gedanke jedoch, es könnten italienische Mama-Söhnchen sein, treibt mir schon jetzt den Angstschweiß auf die Stirn. Warum? Ich will es mal so sagen: In deutschen Bildungsbürger-Kindestuben ächzen die Regale für die gerade mal flügge gewordenen Kleinen unter Dutzenden von aufklärerischen Sachbüchern. Hingegen der kleine Bambino hinter den Alpen bekommt als erstes Buch einen Bildband in die Hand gedrückt, der eine Mama bei der hingebungsvollen Zubereitung von Ravioli alla genovese und Tortellini dolci al forno zeigt. Grafisch erstklassig, koloriert mit der unerreichbaren Ästhetik dieses Künstlervölkchens.

Nee, den Jungs kann man nichts vormachen. Böse Zungen behaupten, die kriegen schon pränatal mit, was ihre Mütter gegessen haben. So weit mag ich nicht gehen, bin mir aber fast sicher, daß die schon ab ihrem ersten Lebenstag über ausgeprägte Geschmacksrezeptoren auf ihrer Zunge verfügen.

Sind die mal groß, genügt ein einziges Nädelchen Rosmarin zuviel oder zuwenig, und die schieben mit gelangweilter Miene den Teller weit von sich. Ihre Arroganz geht so weit, daß sie sich nichteinmal zu konstruktiver Kritik herablassen. Im Gegenteil, sie bedanken sich tausen Mal für das augenscheinlich sehr gute Essen (die Nase aber hat den Braten längst gerochen) und entschuldigen sich mit mangelndem Appetit.

Da ist mir die türkisch/arabische Höflichkeit doch lieber.

Sitzt in der Runde zufällig ein Deutscher, reibt der sich verwundert die Augen über die Tatsache, daß 16 Italiener gleichzeitig keinen Appetit haben, um dann seinen Teller inklusiver letztem Krümel zu leeren.

Man könnte an dieser Stelle natürlich nach der Kehrseite der Medaille fragen, nämlich nach dem Los der armen, unterdrückten Frauen südlich des Brenners, kritisiert von emanzipierten deutschen Karrierefrauen. Aber Vorsicht, ich rate zu bescheidener Zurückhaltung.

Der Vergleich zwischen dem überglücklichen und stolzen Gesichtsausdruck einer italienischen Frau, die gerade den Applaus einer gesättigten Tischrunde für ihre Kreation entgegen nimmt und dem einer deutschen im mittleren Management, die gerade der Presse mit affektierter Miene die Umstzsteigerung des letzten Bilanzjahres mitteilt, spricht Bände. Die letztere mag vielleicht in ihrem 180 qm großen Loft einsam alle TV-Kochshows mit einem Glas Beaujolais in der Hand verfolgt haben, mehr als ein Brioche im Coffe-to-go-Shop vermag sie jedoch nicht zu beurteilen.

Aber wer auch immer in den Medienhof kommen mag, egal ob aus nur einem Kulturkreis oder der Schnittmenge von vielen, wir werden das Kind schon schaukeln. Es lebe der Wedding.

Giorgio

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